Das neue Schuljahr hat wieder richtig begonnen, endlich konnte ich wieder eine Gruppe Schüler auf eine der FAS-Aktivitäten begleiten. Wer sich nicht mehr erinnert, FAS (formación y acción social) bedeutet so viel wie Soziale Erziehung und Handlung.
Nachdem ich letzten Dienstag aufgrund der langen Pause nicht an die FAS Ausflüge gedacht hatte, wurde mir diese Woche glücklicherweise doch bewusst, dass auch in diesem Fall wieder Normalität eingekehrt ist und nun von Neuem wöchentliche Besuche besonderer Einrichtungen oder Orte in meinem Terminkalender stehen. 
Also hieß es am Montag Abend noch schnell in einen der nächstgelegenen Supermärkte fahren, denn man hatte mir mitgeteilt, dass in dem Altersheim, welches wir besuchen würden, immer ein Mangel an Seife, Zahnpasta, Deos usw. zu beklagen wäre und derartige Geschenke natürlich besonders gern angenommen werden. Ansonsten würden mir dann während der Fahrt die Einzelheiten erklärt werden.
Am Morgen musste ich mich als erstes bei den Schülern vorstellen, da sie mich – als Sechstklässler – bis auf wenige Ausnahmen bisher nur vom Sehen kannten. Danach machten wir uns in zwei Kleinbussen auf den Weg, wo ich genauere Informationen über unser Ziel erhielt:

Schüler beim Betreten des kleines Grundstückes
Das Altersheim, das wir besuchten, ist eine spezielle Einrichtung für von ihren Familien verlassene oder auf der Straße aufgelesene ältere Menschen, die meist gesundheitliche Probleme haben. Einige von ihnen leben nur kurzzeitig dort, solange bis ihre Angehörigen eine Regelung gefunden haben, um sich richtig um sie zu kümmern. Andere haben aber schon Jahre dort verbracht. Die Finanzierung ist meiner Meinung nach sehr originell. Für viele Ausländer ist Kolumbien immer noch ein Land, dass nur von der Drogenmafia und Kriminellen beherrscht wird. Die Realität ist natürlich weitaus weniger tragisch, dennoch gibt es vor allem im Süden des Landes noch viele von der Guerilla kontrollierte Zonen. Hier im Norden hat man es aber schon so weit gebracht, die zuvor von den Gruppen besetzten Gebiete zurückzugewinnen. Dabei in Beschlag genommenen Fincas (ländliche Anwesen) sind heute Eigentum verschiedener Organisationen, welche alle Gewinne für verschiedene sich sozial engagierende Zentren, unter anderem “Hogar Jerusalén” (Altenwohnheim Jerusalem), einsetzen. So wird es ermöglicht, den Bewohnern ohne Krankenversischerung Medikamente, z.B. gegen Parkinson, zu bezahlen.
Dort angekommen musste ich leider – wie schon einige Male vorher- feststellen, dass vielversprechende Namen oft auch nur viel versprechen, wobei die Wirklichkeit in diesem Fall härter ist, als angenommen.
Zuerst mussten wir einige Minuten vor dem Eingang warten, da die Bewohner und Betreuer zu beschäftigt mit dem Frühstück waren, um unsere Rufe zu hören. Als sich dann doch jemand erbarmte und uns die Türe öffnete, fanden wir das Gelände dementsprechend verlassen vor.

Fast jeder der Bewohner hat ein Schublade mit Tabletten in der Krankenstation
Während die Schüler sich in den Schatten setzten stellten die begleitenden Lehrkräfte und ich uns bei der Heimleitung vor, welche uns zuerst in der Krankenstation empfing und uns danach ermutigte auch während dem Frühstück mit den Bewohnern Kontakt aufzunehmen. Das Haupthaus ist in zwei Stockwerke aufgeteilt, wobei sich im unteren neben den Schlafräumen der Männer und ihrem Essbereich die Küche und im oberen die Schlaf- und Essbereich der Frauen und die Badezimmer befinden.
In den Zimmern schlafen bis zu 6 Personen auf einmal, Jeder besitzt einen kleinen Schrank, wo er seine persönlichen Dinge aufbewahren kann. Meistens ist das aber nicht mehr als ein paar Kleidungsstücke und Schuhe.

Hier schlafen nur 2 Personen
Die Reaktionen der Bewohner auf unseren Besuch waren teils sehr verschieden, während uns manche

Hernando hilft mit: anderen beim Frühstück zur Hand
freundlich begrüßten und ihnen die Freude über die Abwechslung im Alltag deutlich anzusehen war, verließen andere beim Anblick der Kameras fluchtartig den Raum. Der Zustand vieler Bewohner war erschreckend, obwohl sie um sechs Uhr morgens aufgestanden waren, hatte man dem Großteil um 8 Uhr immer noch nicht beim Umziehen oder Waschen geholfen. Aus diesem Grund vermischten sich in den Räumen die Gerüche aus Essen, Schweiß und Urin, da auch noch Windeln gewechselt werden mussten. Man kann es als Glück bezeichnen, dass sich das Personal nicht um alle kümmern muss und einige sogar noch in der Lage sind, bei der täglichen Routine zur Hand zu gehen. So füttert Hernando bei jeder Mahlzeit drei seiner Kameraden. Er selbst sieht das als selbstverständlich an und hofft, dass er einmal die gleiche Behandlung erhalten wird. Trotz der Hilfe sind einige immer zum Warten verdammt und erhalten Schokolade, Tee, Agua Panela oder Kaffee erst, wenn alles schon kalt geworden ist. Unsere Hilfe wurde natürlich angenommen und wir erhielten zum Dank frohes Lachen und viele freundliche Worte des Willkommens

Dieser Einzelgänger reagiert nicht, wenn er angesprochen wird und zeigt keinerlei Interesse an Anderen
Man konnte deutlich erkennen, dass schon alle sehr gespannt auf den Kontakt mit den Schülern waren, auf meine Nachfrage hin wurde mir auch klar warum: auch wenn viele der dort lebenden Personen Familie in der Umgebung haben, ist es doch ein Ausnahmefall, dass jemand von Angehörigen Besuch bekommt. Die Meisten reden von sich selbst schon als Belastung, da ihnen wohl auch nicht sehr häufig das Gegenteil klar gemacht wird.
Es gibt auch Besuchszeiten für die Öffentlichkeit, allerdings habe ich den Eindruck, dass die meisten der Besucher nur kurz vorbei schauen, um ein paar Spenden zu bringen und das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. Laut der Heimleitung sprechen sie wenig mit den Bewohnern und im besten Falle nur sehr distanziert. Interesse wird kaum gezeigt.
Wir hatten uns daher vorgenommen, den Tag richtig interessant zu gestalten und ein besonderes Programm vor:
Zuerst konnten die Schüler Kontakt aufnahmen und sich vorstellen. Ich war überrascht von dem großen Interesse, welches sie dabei an den Tag legten, bei vorherigen FAS Aktivitäten mit älteren Schülern hatte ich schon ganz andere Szenen erlebt.

Was die Heiterkeit ausgelöst hat, weiß ich leider nicht, aber der Spaß ist offensichtlich
Sie gingen mit großer Offenheit auf die Bewohner zu, bald wurden Lebensgeschichten erzählt, Witze gerissen, oder Spiele aus den Rucksäcken geholt. Wie ich schon oben erwähnt habe, ziehen aber einige der älteren Menschen es vor, allein und in Ruhe gelassen zu werden, was man anhand der Körpersprache auch recht leicht erkennen konnte, also hielten die Kinder eher Abstand von ihnen. Ansonsten zeigten sie nur bei Extremfällen Berührungsängste: ein Mann begann zum Beispiel ihnen zu drohen und brach anschließend in Tränen aus, ein Anderer fuchtelte wie wild mit den Armen herum und sprach mit sich selbst. Zudem verstömten einige einen sehr unangenehmen Geruch nach Schweiß oder Urin und hatten sich wohl schon seit einigen Tagen nicht mehr gewaschen. Das Pflegepersonal bestätigte mit, dass diese oft gezwungen werden müssen, sich zu baden. In den Ecken des Hofes stapelt sich ihre benutzte Kleidung, die sie aber nicht zum Waschen bringen, aus Angst, es könnte etwas gestohlen werden.
Ich konnte anhand einiger Erzählungen feststellen, dass viele der Bewohner nicht glücklich im Altenheim sind, sie erzählten mir von fehlender Aufmerksamkeit des Pflegepersonals, Verschwinden persönlicher Dinge bis hin zu Mobbing untereinander. Einige scheinen sehr verbittert zu sein und zeigen deutlich, dass sie Zimmergenossen als Konkurrenz ansatt als Freunde ansehen.

Kekse und Säfte werden für später aufgehoben
Das wurde besonders deutlich, als wir begannen, die mitgebrachte Verpflegung aufzuteilen. Man konnte zum Beispiel eine Bewohnerin beobachten, die mit herumging und bei allen Kindern um etwas zu Essen oder Trinken bat. Dies ließ sie zusammen mit herumliegenden Päckchen in einer großen Plastiktüte verschwinden, welche sie anschließend versteckte. Dabei hatte die Gruppe wirklich viele Kekse, Sandwiches, Säfte etc. mitgebracht, sodass es genügend für alle gab. Die Menge an Mitbringseln als genügend zu bezeichnen ist eigentlich untertrieben, wie man zum Beispiel auf dem Foto sieht, konnte noch viel für später aufgehoben werden.
Einige der Personen tauschten daher untereinander Vollkorn- gegen normale Kekse oder Orangen- gegen Apfelsaft 
Als nächstes Programmpunkt war ein kleiner Spaziergang vorgesehen. Wir konnten nur wenige der Bewohner mitnehmen, da einige auch verwirrt sind oder “Fluchtgefahr” besteht. Bei den anderen herrschte aber große Freude, da es nur sehr selten (z.B. bei Arztbesuchen) geschieht, dass das Gelände verlassen werden kann.

Händchenhaltend macht sich dieses Trio auf den Weg
Wir marschierten einen kleinen ruhigen Hügel hinauf und wurden nur hin und wieder von Motorrädern gestört. Ansonsten ist die Strecke unbefahren und sehr ruhig, es gab nur uns und die Sonne, die unbarmherzig auf uns nieder brannte. Ich glaube, ich bräuchte noch ein paar Jahre mehr in Kolumbien, um mich wirklich an diese das ganze Jahr andauernde Hitze gewöhnen zu können. Ich war also sehr froh, als wir ein kleines schattiges Plätzchen fanden, wo wir auf die Nachzügler warteten.
Danach ging es wieder zurück ins Heim, wobei wir uns aber Zeit ließen und einen kleinen Zwischenstopp im Tante Emma Laden einlegten. Wir hatten uns und unsere Begleiter doch recht angestrengt und luden sie noch zu einigen Getränken ein.
Anschließend entspannten wir gemeinsam im Hof und fuhren mit den Gesprächen fort. Dabei wurde mir aber geraten, nicht auf den Bänken Platz zu nehmen, da diese nicht oft gereinigt werden viele der Bewohner ihre Bedürfnisse nicht mehr richtig kontrollieren können.
Besonders gut gefiel mir die Platzwahl der Frau, die mir von den Bänken abgeraten hatte:

Der Platz ist bestimmt angenehmer als so mancher der alten Stühle
Sie sagt, die Wiese sei weicher als alles andere, was es ansonten zum Sitzen gibt. Außerdem gibt es wenig Stühle für so viele Bewohner.
Als schließlich die Busse wieder kamen, um uns zurück zur Schule zu bringen, fiel uns der Abschied doch schwer und wir wurden gebeten, doch bald wieder zu kommen.

Diese Dame will mich kaum gehen lassen
Eine ältere Dame wollte mich partout nicht gehen lassen und ließ mich versprechen, bei der nächsten Möglichkeit wieder vorbei zu schauen.
Es hat mich gefreut wieder einmal zu erleben, dass schon ein kleiner Besuch den tristen Alltag aufhellen kann, ein paar getauschte Worte Lächeln in Gesichter zaubern und ich mit wenig Aufwand wunderbare Reaktionen erhalten kann.
Ich glaube, der Besuch hat einen bleibenden Eindruck bei den Schülern hinterlassen, schon mehrere der Eltern haben bei uns nachgefragt, wie man dem Altersheim helfen kann. Darüber freuen wir uns natürlich sehr, genau das ist ja auch der Sinn von FAS und es ist immer schön, kleine Erfolgsmomente zu erleben.