Schon öfters habe ich von Freunden oder der Familie die Fragen nach dem Reisen in Kolumbien gestellt bekommen:
Was muss man sehen, womit ist man unterwegs und wie lange dauert das überhaupt?
Nach nun schon mehr als einem halben Jahr in Kolumbien -wie schnell doch die Zeit vergeht, es scheint immer noch, als wäre ich gerade erst angekommen – werde ich über meine ganz persönlichen Erfahrungen berichten.
Kolumbien ist ein äußerst vielfältiges Land, wer also alle seine Facetten kennenlernen will, muss viel Zeit einplanen. Die wichtigsten und beliebtesten Reiseziele sind Santa Marta, Cartagena, der Tayrona – Nationalpark und das Cabo de la Vela in der Küstenregion, das Kaffeedreieck, die Blumen- und Modestadt Medellín (die außerdem noch Heimatstadt eines der berühmtesten Künstler Kolumbiens, Fernando Boteros, ist), die Hauptstadt Bogotá, das Amazonasgebiet und unzählige Nationalparks wie zum Beispiel der “Parque Nacional del Chicamocha” im Departamento de Santander, in dessen Nähe ich wohne.
Ich kann mich zu den glücklichen Menschen zählen, die davon schon einen Großteil kennenlernen durften, allerdings stehen auf meiner Wunschliste immer noch ein paar nicht abgehakte Ziele, die ich während der Ferien im Januar und zusammen mit meiner Cousine und ihrer Familie, die mich im März besuchen, kennenlernen will… ![]()
Womit ist man unterwegs: Es gibts drei grundlegende Möglichkeiten: Das schnellste und unkomplizierteste Verkehrsmittel ist wohl das Flugzeug. Außerdem werden viele Reisen in Bussen unternommen oder man bewegt sich, wie in Deutschland auch, mit dem Privatwagen fort. Dabei ist man allerdings immer sehr vom Wetter abhängig. In den letzten beiden Jahren hat Kolumbien stark unter vermehrten und andauernden Regenfällen gelitten. Viele der großen kolumbianischen Städte liegen im Andenraum, wodurch es sich schwierig gestaltet, große Verbindungsstraßen zwischen ihnen zu errichten. Auch wenn es schon seit Jahren ein festgelegtes und immer wieder verkündetes Ziel der Regierungen ist, die Carreteras (Verbindungsstraßen) auszubauen, verschwindet das Geld nach wie vor in der Korruption. Das Ergebnis sind einspurige, schmale und sehr kurvige Straßen, die auch zum Lebensmittel- und Gütertransport benutzt werden. Kommen dann die Regenfälle ins Spiel und weichen die Erde an den Hängen auf, sind die Wege oft durch Erdrutsche oder eingestürzte Brücken unterbrochen, sodass sich der, der es sich leisten kann, mit dem Flugzeug bewegt und die erhöhten Preise bezahlt. Wie manch einem vielleicht aufgefallen ist, habe ich den Schienenverkehr noch nicht erwähnt, ganz einfach weil er in Kolumbien keine Rolle spielt. Für den Personentransport wurde er schon vor Jahren eingestellt und für den Gütertransport fehlen die Strecken. All dies führt dazu, dass Kolumbiens Straßen sehr voll sind und die Reisenden unter teils sehr langen Staus leiden müssen.
Damit ihr euch das alles aber noch ein bisschen besser vorstellen könnt, will ich euch von meiner Reise von Bogotá nach Bucaramanga erzählen. Im November habe ich eine Woche in Bogotá verbracht, nachdem meine kolumbianische Schwester wieder von Deutschland nach Hause gekommen war. Zu ihrem Universitätsabschluss hat sich dann fast die ganze Familie dort eingefunden, um diesen auch richtig zu feiern.
Meine Gastfamilie ist mit dem Auto gereist und während ich die Hinreise noch im Flugzeug angetreten hatte, machten wir uns gemeinsam im Auto auf den Rückweg. Los gings um 9 Uhr morgens in Bogotá bei schönem Wetter, wir rechneten also damit, ca. acht Stunden später in Bucaramanga anzukommen.
Ich kannte die Strecke schon in der anderen Richtung, muss aber zugeben, dass ich vor drei Jahren wohl den Großteil davon verschlafen habe. Wie schon gesagt, die Straßen sind sehr schmal und kurvig und wegen der vielen Lastwägen, die unterwges sind, ist man eigentlich ständig am Überholen. Weil man aber wegen der Kurven nicht weit sehen kann, hat man sich hier angewöhnt an besonders unübersichtlichen Stellen vor einer solchen zu hupen, um den Gegenverkehr zu warnen. Trotzdem war mir nicht immer ganz wohl zu mute, wenn es an einem der langen Fahrzeuge vorbei ging ![]()
Ich habe mich aber bewusst abgelenkt und die tolle Landschaft auf beiden Seiten der Strecke bewundert…
Die bergige Landschaft hat es schon mehrere Male geschafft, mein Heimweh nach Bayern ein bisschen zu lindern, da ich mich zwischen ein paar grünen und unbebauten Hügeln einfach zu Hause fühle. Trotzdem sind die beiden Regionen nicht zu vergleichen, in Kolumbien scheint alles größer, weiter und irgendwie unendlich zu sein. Das kann aber auch daran liegen, dass Deutschland nur ca. halb so groß wie Kolumbien ist… ![]()
Nach vier Stunden im Auto legten wir eine Pause ein, um unsere leeren Mägen mit typischen Gerichten wieder aufzufüllen und waren fest überzeugt, die Hälfte der Reise schon überstanden zu haben. Wir hatten uns aber zu früh gefreut, die Hälfte der Strecke hatten wir zwar schon hinter uns, allerdings begannen dann die Probleme.
Nachdem wir wieder 5 Minuten unterwegs waren, wurden wir mitten auf der Strecke aufgehalten und informiert, dass wir nun 50 Minuten warten sollten, weil auf einer Strecke von 2 Kilometern die Mittellinie neu gezogen werden musste. Schneller als man sich vorstellen kann, hatte sich schon ein Stau gebildet. Argumentieren half natürlich nichts, auch wenn die Maschine noch gar nicht losgefahren war…
Wir machten also, was jeder in einem Stau macht: Aussteigen und sich die Beine vertreten.
Ich ließ mir so ziemlich alles über die am Straßenrand wachsenden Pflanzen erklären und bekam Namenskunde der Kuhfamilie…. Milchkuh, Kalb, Stier usw…
Passend dazu machten wir auch noch Fotos ![]()
Außerdem bekam ich eine für mich sehr interessante Geschichte zu hören: In Kolumbien nimmt jeder Lastwagenfahrer eine Hängematte mit, um im Notfall, das heißt, wenn ein Stau länger andauert, bequem schlafen zu können. Für mich war das allerdings kaum vorstellbar, und neugierig wie ich bin, fragte ich kurzum den Fahrer des hinter uns wartenden Biertrucks, ob ich seine Hängematte ausprobieren dürfte…. ![]()
Tatsächlich hat fast jeder Lastwagen, in Kolumbien “mula” genannt, zwischen zwei der riesigen Reifen Haken angebracht, um die Hängematten befestigen zu können… Wieder einmal zeigt sich, dass die Kolumbianer sehr gastfreundlich zu Touristen sind, da mir meine Bitte auch gleich erfüllt wurde.
Der übrigens sehr gesprächige Fahrer war zudem noch so nett, mir auch seinen Hut zu leihen, damit ich wegen der Mittagssonne nicht mit Sonnenbrand weiter fahren musste. Nachdem wir alle einmal die wirklich gemütliche Hängematte ausprobiert hatten, wurden uns noch einige unglaubiche Geschichten erzählt. So zum Beispiel musste der Fahrer einmal 14 Tage in einem Stau verbringen, nachdem ein riesiger Erdrutsch 10 Kilometer vor seinem Ziel die Strecke so versperrt hatte, dass nur kleine Autos oder Motorräder passieren konnten. Und da die Hilfe wie immer spät ankam, mussten er und seine Kollegen 2 Wochen lang unter ihren Gefährten verbringen.
Meiner Meinung nach ist Geduld eine andere typische Charakterstärke der Kolumbianer.
Nach guten 40 Minuten konnten wir unsere Reise fortsetzen und verabschiedeten uns in aller Eile von unserer Bekanntschaft, weil wir auf jeden Fall zu den ersten Fahrzeugen der Reihe gehören wollten, um nicht wieder überholen zu müssen ![]()
Zusätzlich dazu verbachten wir noch fast weitere 2 Stunden in anderen Staus am Rande kleiner Ortschaften. Die Straßenhändler reagieren hier sehr schnell, schon nach wenigen Minuten wurden uns Säfte, Früchtesalate, Kaffee, Kekse usw. angeboten. Diese Art von unangemeldeter Beschäftigung ist in Kolumbien sehr häufig, sehr viele Menschen verdienen sich ihr tägliches Brot mit dem Verkauf von Erfrischungen an Ampeln oder versuchen, Autofahrer zu finden, die sich während der Wartezeit die Scheiben putzen lassen. Sie verdienen nach eigenen Angaben dabei bis zu 30.000 Pesos (12 €)pro Tag und können damit auch vergleichsweise gut leben, zahlen allerdings keinerlei Versicherungen. Sollten sie krank werden oder einen Unfall haben, sind sie somit von ihren Familien abhängig, da die staatliche Hilfe, die extra für den Krankheitsfall dieser Personen eingerichtet wurde, absolut unzureichend ist.
Aber zurück zum eigentlichen Thema… für mich ist das Reisen auf den Carreteras angenehmer, wenn die Strecke in kleinen Etappen zurückgelegt wird und zwischendurch auch noch Sehenswürdigkeiten besucht werden. Aus diesem Grund hat mir meine Familie den Geburtsort meines Gastpapas, Socorro, gezeigt.
Die Stadt ist zwar klein, aber sehr schön und hat zudem noch eine große Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung gespielt.
Kolumbien ist ein Land voller Geschichte und ich freue mich schon auf meine kommenden Reisen hier um neue Orte kennenzulernen und mir ihre Geschichten erzählen zu lassen… ![]()
Vielleicht schaffe ich es endlich wieder, eine Reise im Bus anzutreten, das habe ich ja in dem halben Jahr hier immer noch nicht geschafft…
Momentan bin ich sehr gespannt auf das südamerikanische Weihnachten…
Ich wünsche euch allen frohe Festtage und denke fest ans hoffentlich weiße Deutschland!
Liebe Grüße,
Theresa





Hey, toller Bericht! Habe ihn mit große, interesse gelesen und er weckt schon meine Vorfreude auf meinen Besuch in Columbien im Februar.
Feliz ano nuevo
Nico