Oh du fröhliche … (Advents- und) Weihnachtszeit

Ich möchte euch heute einladen, Weihnachten kennen zu lernen. Weihnachten in einem anderen Kulturkreis. Weihnachten ohne Schnee… und mit einer völlig unterschiedlichen Vorbereitung…

Wenn wir uns im Oktober oder November in den deutschen Supermärkten umsehen, finden wir neben den normalen Produkten Schokoladennikoläuse oder -weihnachtsmänner, Plätzchenzutaten und Adventskalender im Angebot. In Kolumbien sieht das Ganze ein bisschen anders aus. Ich erinnere mich, dass ich Ende September einen Supermarkt betrat und zuerst einmal überrascht stehen bleiben musste. Ich stand vor einer riesigen Abteilung aus Plastik -Christbäumen, Lichterketten und besonderen Geschenk -Angeboten für die Lieben zu Hause. Und dazu lief die Melodie von “Stille Nacht”… :)
Es traf mich recht unerwartet, aber es war so weit: das Geschäft mit Weihnachten hatte begonnen… von nun an sollte ich an allen Ecken und Enden überrascht werden und viele neue Bräuche kennenlernen.

Wir wissen also schon, dass man nicht früh genug beginnen kann, die Käufer auf die fröhlichste und wegen der Beleuchtung hellste Zeit des Jahres einzustellen. Ich will aber niemanden mit endlosen Beschreibungen all dieser Monate langweilen und springe deshalb gleich in den Monat November.
Während in Deutschland schon manch einer beginnen mag, mit Tannen – und Fichtenzweigen die ersten kleinen Weihnachtsdekorationen zu basteln und sich die Kinder schon auf das erste Plätzchenbacken freuen, wird hier auf den Dachboden geklettert, um riesige Schachteln, Müllsäcke und Dosen zu suchen. Aufgrund des hiesigen Klimas ist man auf Plastikbäume – und Girlanden angewiesen, die natürlich extrem viel Platz einnehmen. Hat man dann alles gründlich entstaubt, kann man beginnen, das Haus zu dekorieren.
Als wir am 6.November genau damit begannen, wurde mir bewusst, dass Dekoration hier eine etwas größere Dimension hat.
Sämtliche Treppengeländer und die Terasse wurden mit Girlanden versehen, riesige Socken aufgehängt, der Baum zusammengesteckt und aufgestellt, alle Bilder von den Wänden genommen und durch weihnachtliche Motiven ersetzt und die Balkone und Umrisse des Hauses mit Lichterketten geschmückt. Anschließend wurden Schleifen in Form gebracht und zusammen mit kleinen Schnee- und Weihnachtsmännern, vergoldeten Tannenzapfen und Äpfelchen und Weihnachtssternen aus Plastik in die Girlanden gesteckt.
Eine Armee aus kleinen Figuren, Uhren und sonstigen passenden Dekorationsgegenständen vervollständigten das Bild.
Kurz gesagt: Das ganze Haus wurde auf weihnachtlichen Vordermann gebracht.
Aber nicht nur mein Zuhause hat sich in dieser Zeit verwandelt. Auch die Einkaufszentren wurden herausgeputzt, wie es eben nur dort möglich ist: In der riesigen Dimension. Ich fand mich teilweise neben Bäumen aus allen möglichen Materalien wieder, welche vom Erdgeschoss bis zum zweiten Stock reichten, was schon ein beeindruckender Anblick war…
Sämtliche Bäume in den Parks verwandelten sich in leuchtende Gebilde und bekamen zur Unterstützung noch kleine künstliche Brüder an die Seite gestellt. Ganze Stadtviertel konkurrierten um die beste Dekoration der Stadt, sodass jedes der Häuser in einem Block besonders aufwändig und teilweise nach Themen dekoriert wurde. An Hochhäusern leuchteten von einem Tag auf den anderen alle Balkone in der selben Farbe…
Voller Staunen bemerkte ich kaum, dass der Dezember nahe rückte und bald der Advent beginnen würde.
Ich musste feststellen, dass dieser hier aber ganz anders gefeiert wird… Was ein Adventskalender ist, musste ich erst erklären, sodass ich sehr froh war, als ich am 8. Dezember Post bekam und mein Adventskalender aus Deutschland doch noch ankam.
Endlich konnte ich damit beginnen, die Tage bis Weihnachten rückwärts zu zählen. Am Tag darauf fand ich durch puren Zufall in einem Supermarkt einen importierten Schokoladenkalender. Von da an begann in der ganzen Familie der Wettbewerb, wer früher an das Türchen des entsprechenden Tages dachte und somit in den Genuss eines Stückens europäischer Schokolade kam… Manchmal sind wir ja doch alle Kinder… ;)
Zusätzlich versah ich einen Adventskalender, von dem vorher niemandem bekannt war, wozu er diente, mit Kaffeebonbons…
Die Kolumbianer backen selbst eigentlich keine Plätzchen, sondern kaufen die fertigen Produkte in der Dose. Deshalb sind die Backzutaten auch entsprechend teuer, nichtsdesdotrotz haben meine Schwester und ich uns auf die Suche gemacht, um unsere liebsten Sorten zu backen. Der erste Versuch schlug wegen des “Backpapieres” fehl, da unsere Plätzchen daran kleben blieben, beim zweiten Mal waren wir schon klüger und verwendeten die klassischen Hilfsmittel Butter und Mehl… die vierzig Plätzchen haben nur 2 Tage überlebt :D
Was ich aber hier (neben dem Schnee) trotzdem vermisste, war ein Adventskranz. Die vier großen Kerzen findet man in Kolumbien, wenn überhaupt, nur in den Kirchen. Dort bereitet man sich mit den “novenas” – den Weihnachtsnovenen – auf die Ankunft des “Niño Jesús” , des Christkindes, vor. Wie der Name schon sagt, beginnt man neun Tage vor Weihnachten damit, sich früh morgens in der Kirche oder am Nachmittag in Einkaufszentren oder Wohnbezirken zu versammeln und gemeinsam eine Messe oder einen Wortgottesdienst zu feiern. Diese Andachten haben jeden Tag ein anderes Thema und einen dazu passenden biblischen Text. Dazu werden die “villancicos”, die hier typischen Weihnachtslieder, gesungen und verschiedene Gebete gesprochen.
Am 24. Dezember geht man abends in die Christmette und um 12 Uhr mitternachts kommt dann endlich das Christkind.
Da es hier Brauch ist, dass sich die ganze Familie in einem einzigen Haus versammelt, konnte ich Weihnachten in einem für mich ungewohnt großen Kreis verbringen, und das, obwohl meine deutsche Familie schon zahlenmäßig überdurchschnittlich groß ist.
Weil die Geschenke erst um Mitternacht geöffnet werden dürfen, wird vorher das typische Weihnachtsmahl zusammen gegessen: Tamales (Eine würzige Rolle aus Maismehl, die mit einer Art Bohnen und Fleisch gefüllt ist), Schweinefleisch und Schinken mit Pflaunmenmarmelade, Brot und dazu heiße Schokolade mit zerlaufenem Käse… ich bin am heiligen Abend Bratwürste mit Sauerkraut, Brezen und einem guten Bier gewohnt, aber das neue Menü hat mir trotzdem hervorragend geschmeckt. ;)
Als Nachspeise gibt es Natilla, eine Art Pudding aus Maismehl mit Rosinen und Schokoladensoße.
Anschließend wird getrunken oder getanzt, keine Spur also von stiller Zeit und andächtigen Weihnachtsliedern. Die Freude, gemeinsam feiern zu können ist einfach zu groß und für viele Familienmitglieder ist es auch das einzige Mal im Jahr, dass man sich sieht.
Für mich war es natürlich nicht einfach, so weit entfert von der Familie zu feiern, aber die Unterstützung meiner neuen Familie war sehr groß und mit Hilfe vieler Umarmungen und Gespräche konnte ich mich sehr wohl und auch irgendwie zu Hause fühlen :)
Die Ungeduld der Kinder wurde immer größer, so lange, bis um Mitternacht endlich die Geschenke geöffnet werden durften. Im Gegensatz zu Deutschland, wo jeder seine Geschenke selbst unter dem Baum sucht, werden hier Stück für Stück die Geschenke verteilt, wobei laut vorgelesen wird, von wem und für wen das nächste Päckchen ist, das anschließend begleitet von Applaus überreicht wird.
Ich habe dieses Jahr Geschenke aus der Heimat und von meiner kolumbianischen Familie bekommen und war dementsprechend doppelt glücklich :)
Gefeiert wurde dann bis um 3 Uhr morgens. Der 25. Dezember, der einzige Feiertag, wird also zum Ausschlafen genutzt :)
Abends gehen viele Kolumbianer ins Kino, weshalb dort auch alles bis auf die Plätze in der ersten Reihe ausverkauft wird. Daher läuft auch jedes Jahr am Weihnachtsfeiertag ein nationaler Film an, der mir und meiner Familie sehr gut gefallen hat.

Weihnachten fern von der Heimat ist nicht immer einfach. Es ist gut möglich, dass einem sehr viele verschiedene Dinge fehlen, die einem zu Hause schon gar nicht mehr richtig auffallen. Ich habe dadurch gelernt, mein typisches Weihnachten zu Hause noch mehr zu schätzen.
Nachdem ich aber angefangen habe, die Unterschiede zu akzeptieren und mich mit Neugierde auf alles einzulassen, konnte ich feststellen, dass das kolumbianische Weihnachten zwar unterschiedlich, aber nicht weniger schön oder fröhlich ist. :)

Ich wünsche euch deshalb noch einmal “Feliz Navidad!” und außerdem “Próspero Año Nuevo!

Die Bilder zu diesem Artikel kommen erst jetzt in einer Galerie, da sie aufgrund der großen Anzahl kaum in den Text gepasst hätten :)

Bis zum nächsten Mal im neuen Jahr,

Theresa :)

 

 

 

 

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